Öffentliche Ringvorlesung Digitalisierung Sommer 2018

Die schnelle Verbreitung des Internet in der Gesellschaft hat einen weitreichenden zivilgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwälzungsprozess befördert. Zunächst nur eine technische Infrastruktur, ändert das Internet heute fundamental die Art und Weise, wie Menschen kommunizieren und sich informieren, wie ihre Arbeitswelt aussieht und sie ihre Freizeit gestalten, wie politische Prozesse funktionieren, Meinungen entstehen und wie Werte geschaffen und Wissen vermittelt wird. Damit hat das Internet tiefgreifende Auswirkungen auf die zivilgesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung eines Landes und seine Position im globalen Wettbewerb.

Dieser Wandel stellt auch die deutsche Gesellschaft vor große Herausforderungen. Auch hier trifft der Umbruchprozess auf eine Gesellschaft mit gewachsenen Sozialbeziehungen, auf ein international erfolgreiches wirtschaftliches System und auf Menschen, die in ihrer großen Mehrheit diese Gesellschaft mit viel Engagement mittragen und weiterentwickeln wollen. Der mit dem Internet und der Digitalisierung verbundene Umbruchprozess findet nicht auf der "grünen Wiese" statt. Er muss von einer gewachsenen Gesellschaft aktiv gestaltet werden. Um den erreichten gesellschaftlichen Zusammenhalt zu wahren, ist es gerade in Deutschland und anderen Industriestaaten erforderlich, die sich abzeichnenden Veränderungsprozesse aufmerksam durch politische Maßnahmen zu begleiten, um ihre gesellschaftlichen und ökonomischen Chancen nutzen und Verwerfungen frühzeitig entgegensteuern zu können. Die technologischen Veränderungen und Möglichkeiten treffen die Gesellschaft mit einer derartigen Wucht, dass sogar die entscheidende Frage, wie die Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung eigentlich aussehen und funktionieren soll, nur zögerlich gestellt wird und das enorme gestalterische Potential ebenfalls nur sehr zögerlich debattiert und realisiert wird. Wir wollen dazu beitragen, die Gesellschaft zu ermächtigen, auch in Zeiten der Digitalisierung ihr Schicksal aktiv selbst zu gestalten und nicht passiv Opfer unverstandener oder nicht erkannter Entwicklungen zu sein.

In Zusammenarbeit mit dem Munich Center for Internet Research und unterstützt durch das Zentrum Digitalisierung.Bayern sowie das Leibniz-Rechenzentrum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften veranstaltet die Fakultät für Informatik der Technischen Universität München deswegen eine öffentliche Ringvorlesung zum Thema Digitalisierung. Betrachtet werden soll das Thema aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen, um so ein übergreifendes und interdisziplinäres Verständnis der Materie zu erzielen.

 

Themen und Vortragende jeweils am Donnerstag um 16:00 Uhr im Raum 5414.EG.001 an der TUM in der Lichtenbergstraße 4a in Garching, sofern nicht anders angegeben:

  1. Rainer Janssen, ehemals CIO Münchner Rück und CIO des Jahres (12.4.)
    Digitalisierung: Der Weg ins Paradies oder die Hölle? - Und wann und wie kommen wir da hin? [zum Begriff "Digitalisierung"; Vortrag]
    Digitalisierung ist nicht neu, sondern es passiert schon seit vielen Jahrzehnten. Aber die Veränderungsgeschwindigkeit nimmt zu, und die Spielregeln ändern sich. Zur Zeit wissen wir aber nur, dass gewaltige Veränderungen kommen, aber nicht genau, wann und wie sie kommen werden. Dies macht es für Staaten, Unternehmen und den einzelnen Menschen so schwer, sich auf die Zukunft einzustellen. Der Vortrag versucht in einer Tour D`Horizon nach einer kurzen begrifflichen Klärung die verschiedenen Mythen, Märchen, Horroszenarien und Paradoxien zu streifen, um so Anregung und Basis für die Ringvorlesung zu legen.
  2. Helmut Schönenberger, CEO UnternehmerTUM (19.4.; ausnahmsweise in der Boltzmannstrasse 17 im Raum 5530.EG.03)
    The next digital startup success story?! [Folien]
    Die Digitalisierung bietet Gründern die Chance, schnell disruptive Unternehmen aufzubauen, wie Celonis, Flixbus, Konux, Navvis und Tado. Im Vortrag wird am Beispiel des Münchner Startup Ecosystems aufgezeigt, welche Ressourcen, Prozesse und Netzwerke den jungen Unternehmern und Innovatoren heute zur Verfügung stehen. Gleichzeitig wird reflektiert, in welcher Wettbewerbssituation Münchner Startups zu Gründern aus anderen weltweit führenden High-Tech-Regionen stehen.
  3. Paula Kift, Palantir Technologies (25.4.; ausnahmsweise um 18:00 Uhr im Raum E10 des MPI für Innovation und Wettbewerb am Marstallplatz 1 in München; aus Platzgründen kostenlose Anmeldung erforderlich)
    Der Algorithmus kann nichts dafür: Ethisches Engineering in der Praxis
    Algorithmen sind in Verruf geraten. Ob soziale Netzwerke Falschnachrichten verbreiten, Suchmaschinen Ergebnisse manipulieren oder Entscheidungsprozesse nicht mehr nachvollziehbar sind – immer ist irgendein Algorithmus schuld. Doch Algorithmen schreiben sich nicht alleine. Wie sie wirken und was sie bewirken, definieren diejenigen, die sie in Auftrag geben, entwerfen, einsetzen und ihre Wirksamkeit überprüfen. Ethisches Engineering berührt daher zum einen Fragen des individuellen Handelns und organisatorischer Verantwortung, zum anderen die rechtlichen, technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen, die Missbrauch verhindern oder ahnden sollen. Eine umfassende ethische Auseinandersetzung mit der Problematik des Algorithmus muss jedoch über das Offensichtliche hinausgehen und bei der Qualifizierung beginnen. Monodisziplinäre Studiengänge werden der Komplexität der Anforderungen eines ethischen Engineering heute nicht mehr gerecht: ein Software-Entwickler muss sich auch mit Fragen aus den Rechts- und Politikwissenschaften auseinandersetzen, und Juristen und Politiker verstehen, was sie regulieren. Wenn Technologie, Recht und Gesellschaft sich gegenseitig bedingen, so müssen sie auch gemeinsam gedacht werden. Ethisches Engineering ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – und, wie der Vortrag anhand von konkreten Beispielen aus der Praxis darstellen wird, der Schutz von Grundrechten auch kein Hemmnis für Innovation.

  4. Helmut Krcmar, Wirtschaftsinformatik/TUM (26.4.)
    Zur Nutzung der Plattformökonomie in der Digitalisierung - von Speed on the Platform und Stability in the Platform zu Winner takes all oder Winner takes some [Folien]
    Geschwindigkeit gehört zum Mantra der Digitalisierung, sowohl was die Übermittlung von Daten als auch die Veränderung von Produkten, Dienstleistungen und Geschäftsmodellen betrifft. Gleichzeitig sind aber die Anlagen, Anwendungen und auch Prozesse auf längere Verwendbarkeit angelegt. Wie kann dieser Widerspruch aufgelöst werden? Als Denkraster bietet sich der Ansatz der Platformökonomie an. Hierbei werden Stabilität und Geschwindigkeit in unterschiedlichen Teilen eines Plattformökosystems verankert. Wie sind Softwaresysteme und Serviceökosystem so als Plattformen zu gestalten, dass sie einerseits Geschwindigkeit durch Nutzung der Plattformangebote erlauben, andererseits in der Plattform die für Infrastrukturen erforderliche Stabilität und Performanz gewährleisten? Wie sieht das Gesamtensemble aus der Sicht der Plattformanbieter und der -ökosystempartner aus? Neue Plattformen drängen sich zwischen Endkunde und Leistungsbereitsteller. Getrieben von datenbasierten Geschäftsmodellen, erweisen sie sich als Datensammler mit einem Hang zu Monopolisierung. Ist diese Entwicklung zwanghaft - oder wie sieht Wettbewerb in einer Plattformökonomie aus? Sind die Entwicklungen an der Schnittstelle zum Konsumenten auch für das Internet of Things massgebend, und welche Regulierungsnotwendigkeiten, -chancen und -herausfordeurngen ergeben sich?
  5. Manfred Broy, Informatik/Zentrum Digitalisierung.Bayern (3.5.)
    Big Data - Fluch oder Segen? [Folien]
    Die Informatik stößt aufgrund des Leistungszuwachses der Hardware und der immer stärker digital vernetzten Welt in den letzten Jahren in Bereiche vor, die bisher nicht zugänglich waren. Über Sensoren werden Unmengen von Daten erhoben. Über die vielfältige Nutzung digitaler Systeme durch Menschen, insbesondere des Internets und Worldwide Webs, gibt es Milliarden von Daten über Nutzer und Verbraucher. Techniken der Data Analytics erlauben es, in vielfältiger Weise Schlussfolgerungen über die Daten und damit die betroffenen Personen zu ziehen. Das hat einerseits enorme Vorteile, da in vielerlei Hinsicht auf die individuellen Vorstellungen der Menschen unmittelbar Bezug genommen werden kann. Andererseits aber erlaubt dies, Menschen in einer Art und Weise digital zu erfassen, im ungünstigsten Fall sogar zu überwachen, was letztendlich zu einem Ungleichgewicht und Einschränkungen führen kann. Hierbei stellen sich tiefgreifende ethische Fragen und auch Herausforderungen für die Gesetzgebung. Die Vorlesung zeigt diese vielfältigen Problemfelder auf, auch die Problematik des Einsatzes von KI-Techniken und leitet daraus Handlungsempfehlungen für Gesellschaft und Politik sowie Wirtschaft ab.
  6. Thomas Seidl, Big Data/LMU (17.5.)
    Big Data Science, Streams and Process Mining
    Data Science verknüpft statistische Modellierung mit informatischen Methoden, um unterschiedliche Anwendungsbereiche durch die Analyse ihrer Daten zu unterstützen. Die Digitalisierung in allen technischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen unserer Zeit ermöglicht dabei Qualitätsverbesserungen und Effizienzgewinne in vielfältiger Weise. Die Grenzen der algorithmischen Möglichkeiten von maschinellem Lernen, Data Mining und Wissensextraktion sind noch nicht absehbar. Methoden zur Analyse von Prozessen in Fertigung, Logistik und Verwaltung zielen darauf, Fehlervermeidung und Zeiteinsparung zu erkennen und die Benutzerfreundlichkeit zu erhöhen. Neue Konzepte wie Anytime Stream Data Mining ermöglichen es, Prozesse schritthaltend und zeitnah zu analysieren. Neuronale Repräsentationen für komplexe, multimediale und räumlich-zeitliche Daten bergen neue Möglichkeiten für Datenanalyse und das Lernen von Strategien.
  7. Julian Nida-Rümelin, Philosophie/LMU (24.5.):
    Ethik und IT
    Die Digitalisierung ändert die ökonomischen und sozialen Verhältnisse. Diese Veränderungen beinhalten auch ethische Herausforderungen, die in dieser Vorlesung erörtert werden: Politik, Arbeit, Zukunft der Kommunikation und des menschlichen Selbstverständnisses.
  8. Eric Hilgendorf, Recht/Uni Würzburg (7.6.):
    Digitalisierung und Recht - Bremst das Recht den Fortschritt aus?
    Die Digitalisierung wirft eine Vielzahl rechtlicher Fragestellungen auf, von Haftungsfragen über Fragen strafrechtlicher Verantwortung und dem Datenschutz bis hin zu Problemen des Straßenverkehrsrechts. Neue Herausforderungen stellen sich im Zusammenhang mit selbstlernenden Systemen. In dem Vortrag soll anhand zahlreicher praktischer Beispiele ein Überblick über diese Diskussion gegeben werden.
  9. Ursula Münch, Politologie/Akademie für Politische Bildung Tutzing (14.6.)
    Bedroht die Digitalisierung die Demokratie? Politikwissenschaftliche Einordnungen
    Die Digitalisierung erweitert zwar u.a. die Möglichkeiten zur politischen Partizipation, zugleich werden jedoch Gewährleistungen der Demokratie womöglich negativ beeinflusst. Das gilt besonders für die Freiheit des öffentlichen Diskurses sowie die Autonomie und Privatheit des Menschen, aber auch für die Gefahr einer (ökonomischen) Machtkonzentration. Mithilfe politikwissenschaftlicher Kategorien werden einzelne demokratietheoretisch relevante Aspekte der Digitalisierung analysiert.
  10. Uwe Dumslaff, Corporate Vice President und CTO CapGemini Deutschland (21.6.)
    Digitalisierung – Was wird von Künstlicher Intelligenz erwartet?
    Digitalisierung als alles durch Informatik veränderndes Phänomen ist angekommen – privat wie geschäftlich. Vielleicht haben wir die Konsequenzen gerade mehr oder weniger verstanden, schon taucht mit der Künstlichen Intelligenz (KI) der nächste Beschleuniger für Digitalisierung auf. Als Informatik-Disziplin existiert KI seit mehren Dekaden. Mit der Weiterentwicklung und vor allen Dingen der kostengünstigen Verfügbarkeit von leistungsfähiger Hardware dringen KI-Lösungen aus den Laboren in die Anwendung. Was bedeutet das? Wer erwartet und verspricht sich was davon? Aus den Perspektiven großer Organisationen und Technologie-Führern wird ein Überblick über die jeweiligen Einschätzungen der Erwartungen an KI für die nächste Digitalisierungswelle dargestellt. Natürlich hat auch Capgemini als IT-Dienstleister eine Meinung dazu.
  11. Andreas Boes, Soziologie/isf München (28.6.):
    Produktivkraftsprung Informationsraum - Soziologische Perspektive auf den Umbruch in Wirtschaft und Gesellschaft
    Die digitale Transformation markiert einen grundlegenden Umbruch für die Gesellschaft – historisch vergleichbar mit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. Aus soziologischer Sicht steht die Herausbildung eines weltweit verfügbaren Informationsraums auf der Basis des Internets im Zentrum dieser Entwicklung. Dieser Informationsraum bildet nicht nur die Grundlage für die Vernetzung komplexer Maschinensysteme, sondern stellt vor allem eine neuartige soziale Handlungsebene dar. In meinem Vortrag thematisiere ich die Folgen dieses Umbruchs mit Blick auf die Auswirkungen auf Wirtschaft und Arbeit in der Gesellschaft.
  12. Dietmar Harhoff, Ökonomie/MPI für Innovation und Wettbewerb (5.7.)
    Ökonomische Analysen der Digitalen Transformation
    Die Gestaltung der digitalen Transformation ist längst keine rein technische Aufgabe mehr. Ökonomische Analysen können dazu beitragen, die Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze zu verstehen. Im Vortrag werden zentrale Elemente einer ökonomischen Analyse der Digitalisierung vorgestellt. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Betrachtung von Kostenstrukturen für Markteintritt, Unternehmensgründung, Innovation und die Organisation der Arbeit. Die Analysen werden anhand von Sektorbeispielen erläutert.
  13. Dirk Heckmann, Recht/Uni Passau (12.7.)
    Autonomes Fahren - E-Health - Cybermobbing Vernetzung und Automatisierung als rechtliche und ethische Herausforderung
    Die Digitalisierung hat längst alle Lebensbereiche erreicht. Die damit verbundenen technischen Prozesse und Geschäftsmodelle werfen zahlreiche Rechtsfragen auf, die zum Teil auch eine ethische Dimension haben. Der Vortrag zeichnet Verbindungslinien zwischen 3 Nutzungsformen digitaler Medien auf, die mehr miteinander zu tun haben, als dies auf den ersten Blick erkennbar ist. Man stelle sich eine Welt vor, in der Kraftfahrzeuge ohne menschlichen Fahrer autonom gesteuert werden, alle Arztpraxen und Kliniken zum Abruf von Gesundheitsdaten vernetzt sind und sich Menschen jederzeit und vielfach anonym über soziale Medien frei äußern können: Ist das gut und erstrebenswert? Oder weckt das Ängste und Bedenken? Welche Rolle spielt hier rechtliche Regulierung? Gibt es ethische Grenzen der Innovationsspirale? Der Vortrag antwortet nicht nur auf diese Fragen. Er stellt auch einen eigenen Gesetzentwurf zur Diskussion, der unter dem Motto steht: Rechtsschutz durch Technikgestaltung.

Organisation: Prof. Dr. Alexander Pretschner; Kontakt: Edeltraud Fichtl

 

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